Know-how zum Guiding
Eine Gruppe sicher durch Wildwasser zu führen bedeutet weit mehr, als vorneweg zu paddeln. Leitung im Kajaksport verbindet technische Kompetenz, situatives Entscheiden und klare Kommunikation zu einem laufenden Prozess, der sich an den Menschen orientiert, nicht nur am Fluss. Jede Stelle stellt andere Anforderungen an Fahrkönnen, Aufmerksamkeit und Teamarbeit – und jede Gruppe bringt unterschiedliche Voraussetzungen, Tagesformen und mentale Ressourcen mit.
Der Leiter schafft einen Rahmen, in dem sich alle sicher bewegen können: durch realistische Einschätzung der Teilnehmenden, passende Wahl von Linie und Taktik, transparente Absprachen und die Fähigkeit, Aufgaben sinnvoll zu delegieren. Zugleich verlangt der Fluss ständiges Beobachten und Reagieren: Gefahrenstellen erkennen, Entscheidungen treffen, sichern, motivieren – und im Ernstfall ruhig koordinieren.
Führung im Wildwasser bedeutet damit vor allem eines: die richtige Balance zwischen Sicherheit, Selbstständigkeit und gemeinsamer Verantwortung zu finden.
Diese Kompetenzen sind gefragt
Fahrkönnen der Teilnehmenden richtig einschätzen
Das Können hängt von folgenden Faktoren ab
- Wie sicher sitzt jemand „im Boot“, wie gut ist das Gleichgewicht und das Reaktionsvermögen?
- Wie ist das Technische Niveau der Person?
- Mentale Konstitution und Tagesform?
- Kraft & körperliche Fitness?
- Beherrscht die Person die Kanurolle?
- Braucht ein Teilnehmer eigene Notfallmedizin und ist bekannt, wo sie verfügbar ist?
Anforderung an Gruppe anpassen
Das Augenmerk sollte auf folgende Überlegungen gerichtet sein
- Auswahl des passenden Flusses & passender Wasserstand
- So vorfahren, dass alle die geplante Linie/Kehrwasser treffen
- Unterwegs auf dem Bach ist alles möglich, muss aber abgesprochen sein:
- selbständig fahren lassen
- Linie vorfahren
- Body-Prinzip (1:1 Betreuung)
- je nachdem lieber aussteigen und Linie besprechen
- Gefährliche Stelle absichern
- Freistellen, ob die Person das fahren möchte oder lieber umträgt
- Wenn unsicher: Entscheidung, dass von Person umtragen werden soll
Klar kommunizieren
Eine klare Kommunikation zeichnet sich aus
- Präsent und offen & auf Empfang sein
- Alle Hand- und akustische Zeichen nochmals am Einstieg absprechen
- Gruppe an Überlegungen und Entscheidungen partizipieren lassen z.B. beim scouten
- klare Ansagen „wir fahren jetzt in dieses Kehrwasser“
- klare Absprachen über Verhalten, wer macht was bei einem Schwimmer, Abstand zueinander, Gruppentaktik wie Kehrwasserspringen usw.
- Lieber einmal das Verstandene wiederholen lassen, wenn sicher sein muss, dass die Botschaft angekommen ist
- es muss klar sein, wann Absprachen anfangen und wann sie enden
Entscheidungen treffen
Diese Entscheidungen müssen u.a. getroffen werden
- Welche Reihenfolge gilt beim Fahren?
- Welches taktisch notwendige Kehrwasser soll angefahren werden?
- Wo wird ausgestiegen und gescoutet?
- Wer fährt die Passage, wer nicht (umträgt oder macht einen Tag Pause)?
- Kann der Abschnitt als ganze Gruppe gefahren werden, oder muss sie in kleinere aufgeteilt werden?
- Ob jemand fahren sollte oder nicht kann man abwägen mit dem Ampel-Prinzip:
grün
verfügt über alle notwendigen Techniken und fährt die Stelle voraussichtlich sicher
orange
kann die Stelle mit mehr oder weniger Technik einigermassen bewerkstelligen
rot
reine Glücksache, ob sie erfolgreich gefahren werden kann
Aufgaben delegieren
Manche Aufgaben können an mehr oder weniger erfahrene Paddler übergeben werden
- Wer kann als Letzter fahren um notfalls zu unterstützen/retten?
- Wer kann sicher vorausfahren?
- Wer kann eine Wurfsack-Sicherung aufbauen?
- Wer bleibt im Boot, während gesichert wird?
- im Falle eines Unfalls: Leiter sollte eher koordinieren als alles selbst machen (Rettung, Materialbergung, EH, Rettungskette, Teamsafety,…)
- In Sicherheitsfragen keine Delegation der Entscheidungen!
Gefahrenstellen erkennen
Der Guide sollte den Fluss sehr gut kennen & immer im Blick behalten
- Kommt eine Schlüsselstelle, die eine bestimmte Linie verlangt?
- Kommt ein Baumhindernis über/unter Wasser? Steinhindernis?
- Unterspülung?
Kernstellen absichern
- Wurfsack vom Land, wo?
- Wo ist eine Springersicherung möglich?
- Wer bleibt im Boot?
Sozial führen & Gruppendynamik
Es gibt verschiedene Führungsstile und Moderationsstile, es hängt stark davon ab, was deiner Persönlichkeit entspricht. Die folgenden Gesichtspunkte können als Richtschnur gelten
- So oft wie möglich positives Feedback geben
- Vertrauen stärken, indem Abläufe verlässlich und transparent erklärt werden
- Offen für Fragen, Meinungen, Unsicherheiten sein
- Selbstbewusstsein und Selbstverantwortung fördern
- Ist die Gruppe motiviert, angespannt, erschöpft, überfordert oder gelangweilt?
- Welche Personen weichen davon ab und sind isoliert?
- Im Auge behalten, ob jemand eine Pause braucht
- Entscheidungen so moderieren, dass sich alle in der Gruppe integriert fühlen: „seid ihr damit einverstanden, wenn wir es soundso machen?“
- Ziel ist – Gruppe versteht: Jeder trägt zur Sicherheit aller bei